Allgemein, Feminist Shelf

Verschlungene Pfade im Leben einer Frau

Rezension zu Mely Kiyaks „Frausein“

[E]s gibt keine Anfänge. Es gibt nur den Blick zurück.

Frausein, S. 9

In medias res steigt Kiyak in ihren autobiographischen Text ein. Er beginnt mit einer Augenerkrankung, durch die die Sehschärfe der Autorin stetig abnimmt, bis sie ihre Umgebung kaum noch erkennen kann und komplett auf sich zurückgeworfen ist. Schnell ist klar: Es geht um eine Form der Selbstreflexion – zumindest meistens. Dort, wo das Buch seinen Anspruch erfüllt, also über Kiyaks Weg zu ihrer Weiblichkeit zu berichten, ist es ein Höhepunkt, der mit Erwartungen bricht.

Schreiben als Fluchtpunkt

Schnell erfährt der*die Leser*in, welchen familiären Hintergrund Kiyak mitbringt. Ihre Mutter arbeitet als Putzfrau, ihr Vater im Schichtdienst in einer Fabrik. Beide Eltern sind türkische Gastarbeiter*innen. Deutlich wird die Ambivalenz, mit der die Familie in Deutschland betrachtet wird: Willkommen als Arbeitskraft, aber nicht als Teil der Gesellschaft. Nur die Arbeit ist „die Daseinsberechtigung für den Deutschlandaufenthalt“ (S. 24). Kiyak spürt, dass es für diese Perspektive an Repräsentation mangelt, denn in ihrer Kindheit verkleidet sich Günter Wallraff als türkischer Gastarbeiter Türke-Ali, um die Leben nachzuzeichnen: „Von uns hatte sich offenbar niemand gefunden, der es selbst hätte mitteilen können. Oder sollen. Oder dürfen.“ (S. 17). Vielleicht zieht sich deswegen noch ein zweiter Faden durch „Frausein“, denn die Autorin erzählt auch von ihrem Weg zum Schreiben. Insgesamt gibt es viele dieser Fäden, welche alle zusammengenommen Kiyak ausmachen: Ihr Verhältnis zu Kultur, die Frage nach Zugehörigkeit und Repräsentation, Familie, Körperlichkeit, Sexualität – und eben das Schreiben. Durch letzteres bringt sie in ihrem Buch all diese verschiedenen Stränge zusammen, bis sie ein Ganzes ergeben.

Zwei Klassen innerhalb einer Familie

Kiyak bekommt aus ihrem Elternhaus zwei Dinge mit: Unterstützung und Erwartungen. Sie soll es besser haben. Der Bruder hat dieses Credo rasch verinnerlicht: „Irgendwer muss mit diesem Mistleben Schluss machen.“ (S. 18) Stifte spielen eine große Rolle bei diesem Prozess, ebenso wie Bücher. Doch im Gegensatz zum Bruder möchte Kiyak lange Zeit nicht aufsteigen, weil sich ihr der Sinn dessen nicht entschließt.

Es entstanden Zwei-Klassen-Gesellschaften, Arbeiter und Akademiker unter einem Dach.

Frausein, S. 32

Dennoch entscheidet sie sich letztendlich für ein Studium. Viele Optionen gibt es ohnehin nicht, denn Studieren erscheint als einzige Chance hinaus aus dem aktuellen Leben. Hauptsache, man endet nicht so wie die Eltern, ein Grundsatz, der einen Zwiespalt zwischen familiärer Verbundenheit und Emanzipation verursacht. Auf den Schultern der Kinder, insbesondere der Töchter, lasten damit einige Erwartungen. Das alles führt zu einer zwischenzeitlichen Entfremdung zwischen Eltern und Kind, über den Kiyak bilanziert: „Je mehr Abstand ich nach Hause hielt, desto freier konnte ich atmen.“ (S. 67)

Leben als Schriftstellerin

Zur selben Zeit kämpft Kiyak mit dem Gefühl, in ihrem Studiengang nicht wirklich gut aufgehoben zu sein. Schließlich bewirbt sie sich an der Schreibschule einer Universität und wird in das Programm aufgenommen. Von da an hat sie ihren beruflichen Weg gefunden. Im Schreiben fühlt sie sich frei.

Das hier ist kein Gebäude. Ich muss nicht warten, dass man mich hineinlässt. Ich brauche keine Einladung und daher kann mich niemand rauswerfen.

Frausein, S. 100

Trotz dieser Freiheit merkt sie, dass der Kunstbetrieb selbst keineswegs offen ist. Ihre Perspektive wird nicht gesehen, die anderen Student*innen führen eine Unterhaltung, an der sie nicht teilnimmt. Kiyak schreibt nicht aus dem Zentrum, sondern aus der Peripherie und dadurch wird ihr Schreiben wie durch Zufall politisch.

Den eigenen Körper im anderen finden

Kiyak entdeckt auch ihren Körper. Obwohl er ihr zunächst eher schlecht als recht dient, findet sie Möglichkeiten zu seiner Erkundung; berührt sich selbst an Stellen, die ihr lange verborgen waren. Vor allem Sexualität ist zunächst eng mit den Erfahrungen anderer verknüpft, so zum Beispiel, als die Cousine von den heimlichen Treffen in den türkischen Bergen mit ihrem zukünftigen Ehemann berichtet. Heimlich, weil bestimmte Regeln bestehen, die zwar ungeschrieben sind, aber dadurch nicht weniger bindend.

Später macht Kiyak eigene sexuelle Erfahrungen. Sie hat darüber kaum Vorstellungen, spürt überwiegend Scham. Sie erfährt, dass es noch eine ganz andere Seite ihrer Persönlichkeit gibt, die sich erst in der Zweisamkeit offenbart.

Das eigentlich Erste am ersten Mal war die Entdeckung, dass es ein erotisches Ich gibt, das in der Intimität zum Vorschein kommt.

Frausein, S. 78

Räumliche Nähe ist für sie dennoch etwas, das sie nicht benötigt. Sie trennt sich von ihrem langjährigen Partner, um allein zu sein. Sich selbst zu genügen und darin Ruhe zu finden, ist vielleicht einer der wichtigsten Schritte, die Kiyak auf ihrem Weg zum Frausein geht.

Persönliches Werden ohne Anweisung

Das ist es, was Kiyaks Buch lesenswert macht: Die nicht immer lineare Aneinanderreihung von Erinnerungen, die zeigen, wie man zu dem Menschen wird, der man ist und wie man auch durch andere Menschen geformt wird. Wie Kiyak die verschiedenen Teile ihrer Persönlichkeit verbindet, ist kunstvoll. An diesen Stellen ist „Frausein“ eine wunderbare Lektüre. Besonders gut haben mir die Abschnitte über das Schreiben gefallen. Für mich lag der Fokus oft nicht auf dem Frausein, sondern auf dem Autorinsein, wobei für Kiyak diese beiden Aspekte untrennbar miteinander verknüpft sind. Sie betrachtet ihre Situation oftmals nüchtern. Es wird nichts bedauert, sondern hingenommen, ohne dabei zu erstarren.

Erschreckend sind die Situationen, in den Kiyak von anderen Menschen unmenschlich behandelt wird. Denn auch das gehört zum Leben dieser Frau: Gewalt aufgrund von Hass. Sexuelle Belästigung durch Aufsichtspersonen. Sicher werden sich darin viele Frauen traurigerweise wiederfinden.

Trotz dieser positiven Aspekte des Schreibens und der Identifikation gibt es Aussagen in „Frausein“, die ich für problematisch halte. So schreibt Kiyak der Sexualität einen hohen Stellenwert zu, was aus ihrer eigenen Wahrnehmung heraus verständlich ist. Allerdings überträgt sie diesen Eindruck auch auf andere: „Und dass das wohl überall und bei allen Menschen so ist. Dass die körperliche Liebe ein Trost ist, der über allem steht.“ (S. 126). Sie bewertet die Leben anderer Frauen, die Stabilität in einer Partnerschaft suchen. Kiyak nimmt sie als „traurige Frauen“ (S. 109) wahr, als „Zweisamkeitsfrauen“ (S. 100), zu denen sie sich nicht zählt und deren Zustand sie erschüttert. Dieser Abschnitt liest sich mit einem schalen Beigeschmack, denn er reflektiert nicht, aus welchen Gründen die Frauen sich in diese Umstände begeben.

Kiyaks Buch kann Großes, wenn sie bei sich bleibt. Dann bietet sie, obwohl es paradox erscheinen mag, ein großes Identifikationsmoment. Dort, wo die Autorin über sich selbst hinausgeht und Vermutungen über andere, insbesondere Frauen anstellt, liegen die Probleme von „Frausein“. Dennoch ein empfehlenswertes Buch, das den Weg aus der Unwissenheit über das eigene Wesen hinauszeigt und dabei die Bedeutung von Schreiben sowie Literatur in ein zentrales Licht rückt.

Mely Kiyak: Frausein. Hanser 2020 (18,00 Euro)

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