Allgemein, Modern Shelf

Sich selbst verlieren (und finden?)

Lea Draegers Debüt ist keine leichte Kost. Was passieren kann, wenn man sich der Vergangenheit der eigenen Familie stellt und dennoch keinen Zugang zu den Wurzeln hat, schildert die Schauspielerin und Künstlerin in „Wenn ich euch verraten könnte“ eindringlich und schonungslos. In dieser Rezension verrate ich euch, warum ich das Buch am liebsten möglichst schnell beenden wollte und es gleichzeitig für extrem gelungen halte.

TW: Essstörung, Krankenhausaufenthalt, Zwangsernährung, Missbrauch, Selbstverletzung, Suizid[gedanken/-versuch]

Das Schweigen durchbrechen

„Als mein Großvater zwölf Jahre alt war, erhängte sich mein Urgroßvater am Deckenbalken seiner Backstube mit einer Hundeleine“. So unvermittelt setzt Lea Draegers Roman „Wenn ich euch verraten könnte“ ein. Plötzlich stehen wir mitten in dieser Geschichte und es ist klar: Das hier wird brutal. Und, so viel sei gesagt, das bleibt es bis zum Schluss. Bereits mit diesem ersten Satz vermittelt Draeger wichtige Themen, die sich durch das gesamte Buch ziehen. Immer wieder geht es um den Tod, der auf jeder Seite lauert. Und so, wie der Urgroßvater am Deckenbalken über allem schwebt, so bestimmen Vaterfiguren die Geschicke dieser Familie. Dennoch stehen drei Frauen im Mittelpunkt: Oma, Mutter und Tochter. In dieser Familie, in der Religion eine ebenso wichtige Rolle spielt wie Herkunft, wird jede Generation von einem Trauma beherrscht.

Mein zwölfjähriger Großvater blieb stumm. Über ihm stand das Schweigen des toten Vaters.

Lea Draeger: Wenn ich euch verraten könnte, S. 5.

Doch wie über diese Traumata sprechen? Über die Familiengeschichte(n) breitet sich ein Mantel des Schweigens, der nur ab und an durch spitze Bemerkungen durchdrungen wird. Die namenlose Protagonistin versucht, diesen Kreislauf zu durchdringen – und hört auf, zu sprechen. Was zunächst paradox erscheint, ermöglicht es ihr, für das Geschehen Worte zu finden. Die gesprochene Sprache tritt hinter das geschriebene Wort zurück. Wir begeben uns beim Lesen mit der Protagonistin auf eine Reise, das Unsagbare zu Papier zu bringen. Genau das ist der Reiz dieses Buches, denn neben all der thematischen Dichte, die sich auf den Seiten findet, ist es vor allem eine Reflexion über das Schreiben selbst. Aber zunächst muss man sich Themen stellen, die einem beinah den Boden unter den Füßen wegzerren.

Eine Vorwarnung

Was bereits klar sein sollte: In diesem Roman wird nichts beschönigt. Das kann für die Rezipient*innen unglaublich hart sein. Zwar ist positiv hervorzuheben, dass der Verlag dem Text eine Triggerwarnung voranstellt („Dieser Text enthält explizite Schilderungen psychischer und physischer Gewalt. Die Inhalte können belastend oder retraumatisierend auf Leser:innen wirken“), diese hätte meiner Meinung nach jedoch weniger diffus sein müssen. Für mich waren die ersten Seiten ein Schock und dieser Zustand nimmt über den Text hinweg kaum ab. Gleichzeitig halte ich die geschilderten Themen für unglaublich relevant – von der Schreibkunst ganz zu schweigen. Wenn ihr euch der Thematik nicht allein stellen möchtet, wäre es gut, das Buch mit einer anderen Person zusammen zu lesen. Ich verspreche euch, dass es viel Redebedarf geben wird und der Austausch helfen kann, das Gelesene zu verarbeiten. An dieser Stelle möchte ich mich bei Celina für die geneinsame Diskussion über das Buch bedanken.

Sprachlos auf der Suche nach Worten

Die 13-jährige Protagonistin befindet sich in einer Psychiatrie. Sie hat aufgehört, zu essen und zu sprechen. Immer wieder geht es darum, dass sie nicht mehr schön ist. Schönheit erscheint in ihrer Familie als hohes Gut; die Mutter ist schön, die Schwester der Protagonistin und sie selbst waren es ebenfalls. Während die Protagonistin das Essen einstellt, kann ihre Schwester gar nicht mehr damit aufhören. Die Geschwister entwickeln sich damit in gegensätzliche Richtungen. Einerseits wird so veranschaulicht, dass die Probleme der Protagonistin nicht auf individueller, sondern auf strukturell-familiärer Ebene liegen. Andererseits zeigt sich, dass es unterschiedliche, wenngleich im Kern ähnliche, Auswirkungen davon gibt. Mich hätte ein Abschnitt aus der Perspektive der Schwester deshalb sehr interessiert.

Mit 13 Jahren ist die Protagonistin an einem bedeutenden Punkt ihres Lebens. Sie ist kein Kind mehr, aber auch lange noch nicht erwachsen. Diese Schwelle zwischen Kindheit und Jugend, die mit einem Verlassen alter Muster einhergeht, spielt in der Familiengeschichte immer wieder eine Rolle – wir erinnern uns an den ersten Satz und das Alter, in dem der Großvater war, als sich sein Vater erhängt hat. Und auch für die Mutter war dies ein entscheidendes Alter, aber dazu später mehr. Führt man sich diesen Umstand vor Augen, werden die Schilderungen aus dem Krankenhaus umso erschreckender. Auf der Station befinden sich viele andere Kinder, einige noch weitaus jünger als die Protagonistin. Sie werden teilweise zwangsernährt und bei besonders schwerwiegenden Problemen isoliert. An einem Punkt wird die Protagonistin fixiert. Diese drastische Schilderung von Gewalt möchte man beim Lesen so schnell wie möglich hinter sich lassen.

Aber dieses Buch ist so viel mehr als die Darstellung der Zustände in einer Kinder- und Jugendpsychatrie. Das liegt vor allem an dem karierten Heft, das die Protagonistin heimlich vollschreibt. Hier hält sie nicht nur ihre Zeit im Krankenhaus fest, sondern erschreibt ebenso die Geschichte ihrer Familie. Dafür geht sie mehrere Generationen zurück, springt immer wieder zwischen den Jahrzehnten hin und her. Daraus ergibt sich ein zwar nicht vollständiges, aber deswegen nicht weniger aussagekräftiges Bild einer zerrütteten Familie, in der den Vätern eine geradezu gottgleiche Rolle zukommt, die den Nährboden für patriarchale Gewalt bildet. Gepaart mit einem starken katholischen Glauben sind diese Strukturen ein Gefängnis, dem sich die Frauen der Familie kaum entziehen können – teilweise stützen sie es sogar. Oft sprechen die Mütter und Töchter nicht mehr miteinander. So auch im Falle der Protagonistin, deren Mutter sie nicht im Krankenhaus besucht, obwohl sich ihre Tochter dort über ein Jahr aufhält. Man hat den Eindruck, dass sich die Protagonistin daran nicht stört; ganz im Gegenteil scheint sie die Distanz zu wollen und zu benötigen. Obgleich dieses Wort in letzter Zeit inflationär verwendet wird, lässt es sich nicht anders sagen: Dies ist eine toxische Familie, in der die giftige Atmosphäre mit jeder Generation aufs Neue genährt wird.

Ich stamme aus der giftigen Eizelle meiner Mutter, die aus der giftigen Eizelle meiner Großmutter entstanden ist. Wir stehen in einer Reihe sich gleichender Schwestern, die sich gegenseitig am Leben erhalten.

Lea Draeger: Wenn ich euch verraten könnte, S. 73.

Die verlorene Muttersprache

Ein weiterer relevanter Aspekt des Romans ist die Frage der Zugehörigkeit. Die Großeltern der Protagonistin stammen mütterlicherseits aus Tschechien und sind nach Deutschland ausgewandert, als die Mutter der Protagonistin 13 Jahre alt war. So sei ihr Tschechisch in diesem Alter stecken geblieben, den Kinderschuhen nicht wirklich entwachsen. Immer, wenn die Mutter emotional bewegt ist, rutscht sie ins Tschechische.

Daher klingt alles, was für meine Mutter wirklich wichtig ist, für mich fremd. Und alles, was ihr etwas bedeutet, verstehe ich nicht.

Lea Draeger: Wenn ich euch verraten könnte, S. 26.

Dieser Verlust von Sprache hängt ebenso mit der Entwurzelung der Familie zusammen wie mit der Scham darüber, ‚anders’ zu sein. Die Protagonistin schämt sich ob ihrer Mutter, die sich so ganz anders kleidet und gibt als die Mütter ihrer Klassenkamerad*innen.

Meine Mutter bedeutet Scham. Sie bedeutet Fremde.

Lea Draeger, Wenn ich euch verraten könnte, S. 24.

Durch das Fremd-gemacht-werden, das sich aus den Blicken anderer ergibt, entsteht ein Bruch innerhalb der Familie. Das Othering macht sich nicht an körperlichen Merkmalen fest, sondern am Habitus, an Sprache, Kleidung und Verhalten. Die Familie möchte möglichst angepasst erscheinen, sticht aber dennoch immer wieder heraus. Bloß nicht auffallen und nicht mit Leuten in Verbindung gebracht werden, die ebenfalls eine Einwander*innengeschichte haben, das ist die Devise, die vor allem von der Großmutter vertreten wird. Tschechien findet nur bei Mahlzeiten statt, wird durch Geschmäcker und Gerüche transportiert – also genau das Element, dem sich die Protagonistin radikal entzieht und in das sich ihre Schwester nicht minder extrem flüchtet. Letztlich fühlt sich die Protagonistin nirgendwo wirklich daheim, gehört zwei Ländern an und ist doch in beiden fremd – ein Umstand, mit dem sich viele Postmigrant*innen sicher identifizieren können. Dieses Gefühl wird noch dadurch verstärkt, dass sie nicht sicher ist, wer ihr Vater ist. Sie sucht vergeblich nach Ähnlichkeiten und meint, jeder Mann, der in der Reihenhaussiedlung lebt, könne ihr Vater sein. Die Affären der Mutter, die viel zu früh geheiratet hat, tragen ihr Übriges dazu bei.

Seit ich mich erinnern kann, bin ich fremd. Ich bin eine Fremde, die man nicht sieht. Eine versteckte Fremde.

Lea Draeger: Wenn ich euch verraten könnte, S. 26.

Die Sprache, derer sich die Protagonistin in ihrem karierten Heft bedient, erscheint nüchtern, geradezu kalt. Dies liegt wohl auch daran, dass sie keine Worte für das hat, was geschehen ist bzw. weiterhin geschieht. Auf den ersten Blick mag ihre Wortwahl irritieren und es erschweren, einen Zugang zu dem Mädchen zu finden. Aber genau das ist der Kniff dieses Romans, denn der Schreibstil ist Folge des Inhalts und zugleich das, worum es letztlich geht. Ich würde nicht sagen, dass die Protagonistin vollends einen Weg findet, das Schweigen zu überwinden. Es existiert ein Bruch zwischen ihrem Inneren und ihrem Äußeren. Nach außen hin lernt sie, so zu reagieren, wie andere es tun oder es sich von ihr wünschen. Aber sie trägt eine Maske, die nur einen Schein aufrecht erhalten soll.

Ich versuche, immer ein paar Wörter hinter den Lippen bereitzuhalten, die ich hervorhole, sobald ich jemanden treffe. Die Wörter legen sich dann über die Leere zwischen mir und der anderen Person.

Lea Draeger: Wenn ich euch verraten könnte, S. 231.

Ohne zu viel zu verraten: Genau deswegen gibt es für sie nie eine wirkliche Rettung, was sich durch die ständige Betonung der Zeit, an der es ihr mangelt, zeigt. Der wahre Weg, durch den sie das Erlebte erfasst und den sie vor den anderen Figuren verborgen hält, ist das Schreiben. Als Rezipient*innen dürfen wir sie auf diesem Weg begleiten. Das Verhältnis zwischen der Protagonistin und den übrigen Personen auf der einen und der erweiterten Perspektive als Rezipient*innen auf der anderen Seite verdichten diesen Roman. Aber Vorsicht: Die Protagonistin ist eine unzuverlässige Erzählerin, die selbst manchmal nicht genau weiß, was Wahrheit ist und was nicht. Die Grenzen zwischen Vorstellung und Wirklichkeit verwischen oder werden sogar ganz aufgehoben.

Eine gelungene Komposition

Genau das ist es, was dieses Debüt für mich so stark und bemerkenswert macht: Der Zusammenhang zwischen Inhalt und Form, der sich beim Lesen immer stärker erschließt. Aufgrund der Thematik kann ich nicht sagen, dass es ein Vergnügen sei, den Roman zu lesen. Aber wie gekonnt Draeger die innere Logik des Buches umsetzt, ist bemerkenswert. Für mich ist „Wenn ich euch verraten könnte“ ein bedeutungsvolles Buch, das wohldurchdacht und klar formuliert ist, dabei aber nicht steril wirkt, sondern einen bis ins Mark trifft.

Lea Draeger: Wenn ich verraten könnte (hanserblau 2022, 23 Euro)

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