Allgemein

Wer entscheidet über unser Sterben?

Rezension zu Ferdinand von Schirachs „Gott“

Ich bin ein großer von Schirach-Fan. In Talkshows redet er seine Diskussionspartner*innen regelmäßig klug und gewitzt an die Wand. Mit „Terror“ hat er 2016 ein Drama hingelegt, das eine existenzielle Frage unserer Zeit thematisiert. Jetzt schlägt er in „Gott“ einen ähnlichen Weg ein – und wieder weiß man am Ende kaum, wie man selbst entscheiden würde.

Kontroverse Themen zwischen den Seiten und auf der Bühne

Richard Gärtner möchte sterben, da ist er sich sicher. Er hat keine lebensbedrohliche Krankheit und ist psychisch gesund. Aber leben möchte er seit dem Tod seiner geliebten Frau Elisabeth nicht mehr. Er beantragt eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital, welches Sterbehilfeorganisationen einsetzen. Der Deutsche Ethikrat verhandelt über diesen Antrag. Das Besondere: Man selbst gehört in von Schirachs neustem Werk dem Rat an und trifft die Entscheidung, ob Herrn Gärtners Willen stattgegeben wird oder nicht.

Wem gehört unser Leben? Gehört es einem Gott? Gehört es dem Staat, der Gesellschaft, der Familie, den Freunden? Oder gehört es nur uns selbst?

Gott, S. 171.

Während von Schirach in seinem Stück „Terror“ einen Gerichtsprozess geschildert hat, sitzt diesmal niemand auf der Anklagebank. Dennoch ist der Aufbau der beiden Theaterstücke ähnlich: Es gibt einen Vorsitzenden, einen Anwalt und Expert*innen, die ihre Meinungen abgeben. Ebenfalls gleich: Eine Jury, zu der die Leser*innen respektive Zuschauer*innen gehören, entscheidet über den Ausgang der Verhandlungen. Behandelt werden Fragen, die sowohl aus moralischer als auch juristischer sowie ethischer Sicht verzwickt sind. So viel zu den Ähnlichkeiten dieser beiden Stücke, die Teile einer geplanten Trilogie sind.

Sterbehilfe in Deutschland – Die Grundlagen

In „Gott“ geht es nun um Sterbehilfe. In Deutschland werden dabei verschiedene Arten unterschieden: Es gibt unter anderem passive und aktive Sterbehilfe, wobei sich letztere in unterschiedliche Aspekte untergliedert. Unter passiver Sterbehilfe wurde bis 2010 der Abbruch laufender Therapien verstanden. Der Bundesgerichtshof urteilte jedoch, dass auch passive Sterbehilfe durch aktive Handlungen eingeleitet werden kann. So werden Schläuche entfernt oder Beatmungsgeräte ausgeschaltet. Seitdem wird im Medizinrecht stattdessen von Behandlungsabbruch und -verzicht gesprochen. Neben der ehemals als passiv bezeichneten Sterbehilfe wurde außerdem die indirekte Sterbehilfe legalisiert, bei der Ärzt*innen ihren Patient*innen ein Schmerzmittel in hoher Dosis verabreichen, um den Tod schneller herbeizuführen. Dabei geht es vorwiegend um Fälle, in denen Patient*innen unter starken Schmerzen leiden, die nicht mehr mit Palliativmedizin gelindert werden können. Beide Entscheidungen ebneten den Weg zu einem selbstbestimmten Sterben. 2015 entschied der Deutsche Bundestag allerdings, dass die Beihilfe zum Suizid unter Strafe gestellt werden kann und führte § 217 StGB ein. Allerdings: Im Strafrecht kann Beihilfe nur dann bestraft werden, wenn zu einer Straftat Hilfe geleistet wird. Und da Suizid keine Straftat ist, widersprach die Entscheidung geltendem Recht. Im Februar 2020 erklärte des Bundesverfassungsgericht § 217 dann für verfassungswidrig. Dennoch bleibt die aktive Sterbehilfe, bei der eine tödlich wirkende Menge eines Medikaments oder eines Giftes verabreicht wird, illegal. Neben juristischen Positionen nehmen natürlich auch ethische oder religiöse Einfluss auf die Debatte. So wurde die Entscheidung des Bundestages zu § 217 maßgeblich von der christlichen Kirche beeinflusst.

Halten Sie es für richtig, einem gesunden Menschen ein tödliches Medikament zu geben? Würden Sie es tun, wenn sie Arzt wären?

Gott, S. 110.

Eine vetrackte Lage

So weit zu den Grundlagen in Deutschland. Dem Protagonisten Herrn Gärtner geht es darum, ein tödliches Medikament zu bekommen. Zum einen möchte er ohne seine Frau nicht weiterleben, zum anderen hat er gesehen, wie qualvoll diese gestorben ist und hat jetzt Angst, ebenso wie sie an Schläuchen zu landen. Nicht nur das Bundesinstitut für Arzneimittel verwehrt ihm diesen Wunsch, auch seine Hausärztin Frau Dr. Brandt sträubt sich. Letztendlich behandelt das Stück zwei Fragen: Haben wir das Recht auf einen selbstbestimmten Tod? Und ist es ethisch korrekt, wenn Ärzt*innen dabei helfen?

Neben Herrn Gärtner und seinem wortgewandten Anwalt sowie der Hausärztin kommen auch andere Leute zu Wort. Da ist Frau Litten, Professorin für Verfassungsrecht. Sie vertritt eine klare Haltung, erscheint allerdings überwiegend als Figur, die dem*der Leser*in die Rechtslage in Deutschland und anderen Ländern erläutern soll. Zusätzlich liefert sie Informationen über Sterbehilfeorganisationen, beispielsweise in den Niederlanden, und nennt Fälle, die dort vorgekommen sind. Außerdem nennt sie Gründe, warum ein assistierter Suizid überhaupt nötig ist, wenn es theoretisch lapidar gesagt auch die Möglichkeit geben würde, vom Dach zu springen. Interessant ist vor allem ihr Gespräch mit Frau Keller, einem Mitglied des Ethikrates. Frau Keller befürchtet, die Legalisierung der Sterbehilfe könne der Euthanasie, wie sie unter den Nationalsozialist*innen betrieben wurde, Tür und Tor öffnen. Die zweite Position wird vom Arzt Prof. Sperling bedient, der im Vorstand der Bundesärztekammer ist. Er spricht sich vehement gegen Sterbehilfe aus und beruft sich dabei vorwiegend auf den hippokratischen Eid. Der letzte Vertreter war der für mich überraschendste: Bischof Thiel. An seine Darstellung bin ich mit der Haltung rangegangen, dass sie für mich nicht ausschlaggebend sein wird. Aber tatsächlich hat sie mich wider Erwarten am stärksten zum Nachdenken gebracht. Zunächst hat Rechtsanwalt Biegler, der einige Gags landet und so das Thema etwas auflockert, im Gespräch mit dem Bischof die Oberhand. Doch dann nennt Thiel den Fall einer 31-jährigen Frau, die gerne sterben möchte. Und da kommen wir zum großen Problem: Es geht eben nicht „nur“ um eine Einzelfallentscheidung im Fall Gärtners, sondern um eine Grundsatzentscheidung. Erlauben wir ihm, das Medikament zu erhalten, müssen wir es auch anderen Menschen gestatten, Menschen, die nicht alt sind, denen der Tod nicht so bald bevorsteht. Spinnt man den Gedanken weiter, müssten dann auch junge Leute, die gerade Liebeskummer haben, die Medikamente zugestanden bekommen.

Starke Figuren in einem spannenden Setting

Wie schon in „Terror“ treffen wir in „Gott“ auf starke Figuren. Für mich stechen dabei vor allem Anwalt Biegler und Bischof Thiel heraus. Übrigens erging es mir in „Terror“ ähnlich: Sowohl die Staatsanwältin als auch der Verteidiger waren dort für mich die prägnantesten Figuren. Vielleicht liegt es daran, dass von Schirach selbst Strafverteidiger ist. Leider verschwindet Herr Gärtner gegen Ende des Stückes immer mehr von der Bildfläche, obwohl er ein Schlussplädoyer hält. Schließlich entscheiden die Leser*innen über den Fall. Während „Terror“ je nach Entscheidung zwei alternative Enden geliefert hat, ist dies bei „Gott“ nicht der Fall. Außerdem liegen die Schlussvorträge von Herrn Biegler und Dr. Keller nach der Verkündung der Entscheidung, was mich beim Lesen etwas irritiert hat. Allerdings: Wir haben es hier wie gesagt nicht mit einer Gerichtsverhandlung zu tun, sondern mit der Sitzung einer Kommission. Abgerundet wird das Stück noch durch Essays von drei Expert*innen, wobei ich in allen eine Tendenz zur Befürwortung von Sterbehilfe gelesen habe. Mich hätte ein Essay von einem*r Gegner*in interessiert, um auch verschiedene Standpunkte von realen Personen zu sehen.

Jeder Einzelne von Ihnen wird diese Frage nach seinen ethischen und vielleicht auch nach seinen religiösen Vorstellungen entscheiden.

Gott, S. 111.

Fazit: Buch lesen und ins Theater gehen

„Gott“ ist keine einfache Kost. Vor allem liefert es keine Antwort auf die aufgeworfene Frage – die muss man schon selbst geben. Ich muss gestehen, dass ich auch Tage nach dem Beenden des Buches unentschlossen bin. Von Schirach macht es seinen Leser*innen mal wieder nicht leicht. Aber egal, wie man nun zu der Frage nach Sterbehilfe steht: „Gott“ ist, wie schon sein Vorgänger „Terror“, unglaublich lesenswert, weil darin existenzielle Fragen behandelt werden. Die Figuren sind spannend und abwechslungsreich. Ich verspreche euch: Ihr werdet das Buch nicht aus der Hand legen können! Wer die Gelegenheit hat, „Gott“ auf der Bühne zu sehen: Tut es! Aufgeführt entfalten die Stücke eine ganz andere Wirkung, wie ich bei „Terror“ feststellen durfte. Ich bin gespannt, welcher Frage sich von Schirach im nächsten und letzten Teil dieser Dramentrilogie widmen wird – bis dahin werde ich mich gedanklich sicher noch weiter mit dem Dilemma aus „Gott“ beschäftigen.

Zum Schluss bleibt noch die Frage: Wie würdest du entscheiden?

Ferdinand von Schirach: Gott. Ein Theaterstück. Luchterhand (18 Euro)

Werbung/Rezensionsexemplar. Vielen Dank an den Luchterhand-Verlag!

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