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Mit einem Buch durch den Monat

Rückblick auf meine Buchpatenschaft und Rezension zu „Die Marschallin“

Der September war für mich, was das Lesen anbelangt, ein ganz besonderer Monat. Als Buchpatin für den C. H. Beck Verlag durfte ich mich mit „Die Marschallin“ von der Schweizer Autorin Zora del Buono beschäftigen. Bei der Buchpatenschaft ging es darum, seinen Leseprozess zu reflektieren. Also: Here we go!

Wie wird man überhaupt Buchpatin?

Das habe ich mich letztes Jahr gefragt, denn auch da hat C. H. Beck dieses Projekt angeboten. Plötzlich hielten einige Blogger*innen Bücher in die Kamera und sprachen über ihre Patenschaft. Das wollte ich auch! Also habe ich mich in diesem Jahr auf den Aufruf des Verlags beworben. Drei Plätze waren noch zu vergeben, die anderen drei waren bereits besetzt. Man musste bei Instagram auf eine Story antworten und angeben, für welches der möglichen Bücher man eine Patenschaft haben wollte – und dann musste man abwarten sowie etwas Glück haben. Ein wenig später erhielt ich die Nachricht, dass ich mein Wunschpatenkind zugeschickt bekomme. Vom 01.09. bis zum 30.09. sollte ich dann auf Instagram meinen Leseprozess zeigen und am ersten Tag die Patenschaft in einem Post vorstellen. Der Aufwand war also gering und ließ sich gut vereinbaren. Aber den Prozess darstellen? Puh… Wenn ich ein Buch lese, dann eigentlich immer direkt und außer bei Sachbüchern markiere ich mir auch nichts und schreibe nichts auf. Wie sollte ich das einen Monat lang dokumentieren, wenn ich das Buch wahrscheinlich innerhalb weniger Tage durchgelesen hätte? Aber da hatte ich die Rechnung nicht mit „Die Marschallin“ gemacht.

Zu Beginn der Patenschaft erfolgte eine Vorstellung auf dem Instagram-Account des Verlages

Startschwierigkeiten mit dem Patenkind

In „Die Marschallin“ geht es um Zora, eine Slowenin, die mit ihrem Mann in Italien lebt. Dieser ist dort als Radiologe tätig. und leitet später eine Klinik im Haus der Familie. Zora und ihr Mann sind Kommunisten, klar gegen Mussolini und Unterstützer*innen von Tito. Das klang für mich alles ganz schön spannend, denn Familienromane mit einem historischen Bezug lese ich sehr gerne. Und Zora wirkte wie eine Matriarchin, die den Laden im Griff hat. Sie basiert auf der Großmutter der Autorin, der mit diesem Roman ein Denkmal gesetzt wird.

Der Roman beginnt mit dem schwierigen Verhältnis, das Zora zu ihrer Mutter hat. Diese verlässt ihre Kinder, um mit einem anderen Mann zu leben und kommt schwanger wieder zurück. Wirklich gesprochen wird über diese Situation nicht und Zora ist nicht in der Lage, ihrer Mutter zu verzeihen. Ein getrübtes Verhältnis zu Frauen und Mutterschaft ist vorprogrammiert. Zusätzlich ist der Krieg eine bestimmende Größe in ihrem Leben, das Dorf, aus dem sie kommt, ist mal in italienischer, mal in deutscher, mal in slowenischer Hand. Dennoch kommt Zoras Familie relativ unbeschadet durch den Krieg. Rasch wird Zora älter und durch ihr wildes Temperament wird der Arzt Pietro auf sie aufmerksam. Die beiden verloben sich, aber Zora wird oft von Eifersucht geplagt. Später erfahren wir, dass diese gar nicht so unbegründet ist. Aber zunächst werden einige Ereignisse aus Pietros Sicht geschildert. Dies zieht sich durch den ersten Teil des Buches durch: Die Protagonistin kommt kaum noch zu Wort, vielmehr zeichnen andere Figuren ein Bild von ihr. Leider sind gerade Pietros anfängliche Parts recht langatmig, oft werden Aspekte der Röntgentechnologie en detail geschildert. Das hat es mir schwer gemacht, in den Roman hineinzufinden, vor allem, weil dort auch einige Bandwurmsätze den Stil bestimmen.

So sah mein erster Post zu „Die Marschallin“ aus

Eine Frau mit vielen Facetten – oder doch nicht?

Im Folgenden wird Zora dem*der Leser*in von vielen Figuren nähergebracht. Da sind ihr Mann, ihre Brüder, ihre Söhne sowie später ihre Schwiegertöchter, die sie durch die Bank weg hasst. Schwiegertöchter sind ihr ein Dorn im Auge, insbesondere wenn sie Mütter haben. Zora versucht, das Leben ihrer Mitmenschen zu kontrollieren. Sie wirkt ein wenig wie eine Spinne im Netz, die die Fäden in der Hand hat. Das wird auch deutlich, als sie das Haus in Bari entwirft, welches auch die Klinik beherbergt. Zora hat eine genaue Vorstellung davon, wie dieses Heim aussehen soll. Es wird ein wahrer Prachtbau, ausgestattet mit teuren Möbeln, kostbarem Geschirr und Kunst. Zwei Dienstmädchen gehen der Hausherrin zur Hand, luxuriöse Feste werden gefeiert. Das ist auch ein Problem, das ich mit Zora als Figur habe: Sie lebt nicht nach ihren eigenen Grundsätzen. Zwar inszeniert sie sich als Kommunistin, die dem Volk angehört, ihre Luxussucht spricht jedoch eine ganz andere Sprache. Sie schwingt große Reden und möchte sich den Partisan*innen anschließen, ob sie letzteres aber wirklich jemals tut, ist fraglich.

Ein Palazzo, dreiundzwanzig Zimmer, neun Bäder, in der Halle ein Kronleuchter aus Mailand […].

Zora Del Buono – Die Marschallin, S. 325.

Das macht Zora letztlich zu einer unglaubwürdigen Figur. Aber es lässt sich ebenfalls auf eine ganz andere Art lesen: Zora ist eine widerständige Frau, die nichts auf die Meinung anderer gibt. Was sie will, ist Gesetz. Sie erträgt keine Widerworte und wichtig ist ihr vor allem der Respekt von Männern. Andere Frauen wertet sie ab. Zora Del Buono erscheint als Frau, die in einigen Aspekten ihrer Zeit voraus ist und die definitiv keine „typische“ Frauenfigur ist. So bereut sie ihre Mutterschaft, ihren ältesten Sohn mag sie am wenigsten, weil mit ihm das Elend begonnen hat. Das sind Aussagen, die man von weiblichen Figuren dieser Zeit nicht unbedingt gewohnt ist. Bis jetzt weiß ich nicht, wie ich Zora genau verorten soll. Sie ist kein zugänglicher Charakter, manchmal in sich selbst widersprüchlich und gerade dadurch spannend, auch wenn man ihre herrische Art vielleicht nicht immer nachvollziehen kann. So ungewöhnlich sie ist, so problematisch finde ich ihre „Stutenbissigkeit“, die sie ihren Schwiegertöchtern entgegenbringt.

Wahrscheinlich war es das, was sie Davide […] nicht verzieh: dass er sie in etwas gezwängt hatte, für das sie nicht geschaffen war: Mutterschaft.

Zora Del Buono – Die Marschallin, S. 93.

Im Spiegel der anderen

Was mir an „Die Marschallin“ gut gefallen hat, ist auf jeden Fall die Betrachtung Zoras aus verschiedenen Figurenperspektiven. Das Figurenverzeichnis am Anfang umfasst beinah 1,5 Seiten und so gut wie alle der darin aufgeführten Figuren kommen zu Wort. Durch die zeitliche und räumliche Verortung der einzelnen Episoden ist es aber trotz dieser Figurenschar nicht schwer, dem Geschehen zu folgen. Im zweiten Abschnitt, dessen Handlung über 30 Jahre nach den vorherigen Geschehnissen einsetzt, kommt Zora dann als alte Frau endlich selbst zu Wort. Sie ist in einem Heim untergebracht, zuckerkrank und auf Pflege angewiesen. Aber ihr Monolog ist bissig, aufgeweckt und bestätigt an vielen Stellen das Bild, was wir bisher von ihr haben. Dennoch lernen wir auch neue Facetten kennen. Dieser Aufbau erinnert mich ebenfalls an ein Spinnennetz: Man nähert sich der Protagonistin von den Rändern her, um schließlich ins Zentrum zu gelangen. Die Leser*innenschaft erfährt außerdem, dass Zora eine schwierige, von Leidenschaft geriebene Entscheidung getroffen hat und sich aufgrund dessen für das Unglück ihrer Familie verantwortlich fühlt. So viel sei verraten: Autos spielen in beiden Fällen eine große Rolle. Zora wirkt wie eine Frau, die sich schuldig fühlt und die dennoch ohne großes Bedauern auf ihr Leben zurückblickt.

[…] aber mein Herz musste sich schließen, mit jedem Toten hat es sich mehr verschlossen und jetzt ist es zu.

Zora del Buono – Die Marschallin, S. 327.

Neben diesem Aufbau haben mir auch die geschichtlichen Bezüge sehr gefallen. Der Krieg ist ein bestimmendes Element, Politik wird im Haushalt Del Buono großgeschrieben (ebenso wie das Del übrigens, um sich von der adeligen Schreibweise abzusetzen). Die kommunistisch gefärbten Debatten, die ein Gegengewicht zum allgegenwärtigen Faschismus bilden, sind spannend zu verfolgen.

Zora überschattet alle

Neben Zora gibt es noch andere Figuren, bis auf wenige Ausnahmen vor allem weibliche, die beim Lesen das Interesse wecken. Zum Beispiel die jüdische Ärztin Dr. Emmi Bloch, die Pietro aus dem Studium kennt und die zu mancher Eifersuchtsattacke auf Seiten Zoras führt. Oder ihr homosexueller Bruder Ljubko, der im Ansehen seiner Schwester massiv sinkt, dessen Geheimnis sie aber dennoch bewahrt. Nicht zu vergessen sind auch einige ihrer Schwiegertöchter, die sich der Matriarchin entgegenstellen. Und dann ist da noch Otilija, die von niemanden für voll genommen wird, die aber trotz ihres Traumas klarsichtig scheint.

Sie wusste, wie man sie sah: die wunderliche Otilija, die in fremden Häusern saß.

Otilija – Die Marschallin, S. 199.

Alle diese Figuren hätte ich gerne näher kennengelernt. Sie werden jedoch im Roman von Zora überschattet, was wenig überraschend ist, denn schließlich ist sie die Protagonistin und letztlich auch Titelgeberin. Dadurch, dass wir bedingt durch den Aufbau überwiegend etwas über Zora erfahren, rücken die anderen Figuren in den Schatten und wirken wie Statist*innen im großen Stück der Zora Del Buono. Aber dass am Ende gerade von ihr nicht mehr viel übrigbleibt, zeigt vor allem der letzte Satz ihres Mannes, mit dem der Roman endet. Gegen dieses Vergessen schreibt die Autorin mit ihrem Roman an.

Ja, war ich denn je verheiratet?

Pietro Del Buono – Die Marschallin, S. 380.

Was hat die Buchpatenschaft geändert?

Alles in allem merkt man vielleicht – ich bin unentschlossen, was „Die Marschallin“ anbelangt. Es gibt einige, insbesondere stilistische, Elemente, die mich sehr angesprochen haben. Aber mein Lieblingsbuch wird mein Patenkind dennoch nicht. Wer jedoch gerne über eine besondere Frauenfigur in einer geschichtlich enorm relevanten Zeit, die teilweise jetzt noch Auswirkungen hat, lesen möchte, ist mit Zora Del Buono richtig beraten.

Für mich hat die Buchpatenschaft einiges beim Lesen geändert. Ich mache mir natürlich immer Gedanken darüber, was mir zusagt und was nicht – sonst wären Rezensionen ja auch schwer möglich. Allerdings habe ich mir für del Buonos Roman mehr Zeit genommen als sonst und noch stärker reflektiert, warum genau ich den Schreibstil beziehunsgweise die Figuren mag oder eben auch nicht. Falls ihr die Möglichkeit habt, im nächsten Jahr so eine Patenschaft einzugehen, würde ich sie euch auf jeden Fall empfehlen. Sie ist eine tolle Möglichkeit, mehr über das eigene Lesen zu erfahren!

Zora del Buono: Die Marschallin. C. H. Beck (24 Euro)

Werbung/Rezensionsexemplar. Vielen Dank an den C. H. Beck Verlag!

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