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Sich selbst Raum erschreiben

Seit einiger Zeit folge ich, wie so viele andere auch, auf Instagram dem Account minusgold. Schon länger bloggt die Wienerin Jaqueline Scheiber unter diesem Pseudonym. Jetzt hat sie sich nach einem ersten Lyrikband mit ihren Texten aus dem Internet herausgewagt. In ihrem Buch „Offenheit“ lebt sie ebenjene radikal aus.

Auf jeder Seite ein Satz ins Herz

Fieberhaft blättere ich die Seiten um und unterstreiche auf so gut wie jeder Sätze mit meinem Bleistift. Gestern erst hat der Postbote das Buch vorbeigebracht, das ich nach kurzer Zeit durchgelesen habe. Das liegt nicht daran, dass es leichte Kost oder nicht gut geschrieben ist – ganz im Gegenteil.

Ich habe mir geschworen, mit meinen Wahrheiten und meinem Blick auf die Welt nicht mehr hinterm Berg zu halten.

Offenheit, S. 97.

Jaqueline Scheiber weiß, wie man sich ausdrückt. Das merkt man auf jeder Seite. Sie hat das Schreiben nicht professional erlernt, sondern gießt ihre Gedanken seit frühester Jugend auf einen Blog. Auch auf Instagram lässt sie ihre Follower*innen an ihrem Leben teilnehmen; zumindest an den Teilen, die sie davon offenlegen möchte. Dabei geht es ihr nicht um Oberflächlichkeiten, sondern darum, Themen hervorzuholen und offenzulegen, die die Gesellschaft sonst lieber versteckt.

Im schlichten Cover spiegelt sich eine weitere Metapher aus Schreibers Buch wider: Die des Lichts.

Ein verbindendes Thema

Wer Scheiber auf Instagram folgt, weiß bereits, um welche Themen es sich dabei handelt. Sie schreibt über Body Neutrality, Feminismus, psychische Krankheiten und über ihre Herkunft aus einer migrantischen Arbeiter*innen-Familie. Aber die große Zäsur in ihrem Leben beruht auf etwas anderem, auf einem unwiederbringlichen Verlust. In jungen Jahren verstirbt ihr damaliger Partner plötzlich. Dadurch ist Scheiber unerwartet und unvorbereitet auf den Tod gestoßen. Es sind vor allem ihre Trauer und der Umgang mit dem Tod, aber auch die Liebe, die ihre Haltung zu beidem prägt, die Scheibers Texte für mich zu etwas Besonderem machen. Wer meine eigenen Texte einmal gelesen oder gehört hat, weiß, dass Verlust für mich ebenfalls ein wichtiges Thema ist. Und auch wenn wir beide Trauer auf unterschiedliche Weise erfahren und durchlebt haben, ist sie doch das Element, das mich Scheibers Texte immer wieder lesen lässt.

[…] dass mir der Tod von da an immer wieder begegnen würde. An Orten, an denen ich ihn nicht vermutete. […] Das waren Orte, wo das Leben gerade erst begonnen hatte.

Offenheit, S. 45.

Die Trauer junger Menschen, insbesondere junger Frauen, ist eines der großen gesellschaftlichen Tabuthemen. Nach einer gewissen Zeit hat man wieder zu funktionieren, denn das Leben muss weitergehen. Aber was, wenn der vorgeschriebene Weg nicht derjenige ist, der einem hilft? Scheiber findet für sich eine anderen Weg, einen „Trampelpfad“, den sie selbst erst schaffen muss. Sie trägt ihre Trauer in die (virtuelle) Welt hinaus und lässt so Grenzen verschwimmen, die vormals fest erschienen. Das hat auch Auswirkungen auf ihr Umfeld, denn nicht alle können diesen Umgang nachvollziehen. Scheiber setzt sich für radikale Offenheit ein. Ihr Ziel ist es, sich Raum zu nehmen und ihn auch für andere zu schaffen. Sie will mit Tabus brechen und das geht eben nur, wenn man über sie spricht beziehungsweise schreibt. Damit erschreibt sie sich und anderen ein Stück Freiheit.

Ich halte es für unerlässlich, dass es Menschen gibt, die sich in die Mitte eines Raums stellen und darauf bestehen, gesehen zu werden.

Offenheit, S. 8.

Schnörkellos und doch poetisch

Was mir an Scheibers Stil besonders gefällt, ist ihre klare Sprache, die bei aller Schnörkellosigkeit Poesie enthält. Sie vermag es, mit Worten zu spielen, ohne sich dadurch hinter abstrakten Sätzen zu verbergen. Besonders auffällig wird dies an der Metapher des Hauses, die sich durch das gesamte Buch zieht. Scheiber beschreibt Räume, die sie einrichtet, Risse im Fundamt oder Zimmer, die nicht nur ihr gehören. Auch in Bezug auf ihre neue Beziehung verwendet sie dieses Bild. Es ist ein verbindendes Element, das sich durch die Seiten zieht und an dem man sich beim Lesen festhalten kann.

Genauso, wie es wichtig ist, die eigenen Räume manchmal zu sortieren, ist es ebenso notwendig, nicht das gesamte Haus zum gemeinsamen Raum umzugestalten.

Offenheit, S. 82.

Allein durch dieses Bild schafft Scheiber es, Menschen Themen nahezubringen, mit denen sie sich vorher vielleicht noch nicht beschäftigt haben. Wie schon gesagt: In meiner Ausgabe gibt es jetzt sehr viele Unterstreichungen. Das liegt nicht nur daran, dass ich Scheibers Aussagen oft zustimme – wir werden gleich noch sehen, dass das nicht immer der Fall ist -, sondern manchmal einfach, weil ich ihre Sprache so schön finde.

Angeschnitten, aber nicht abgehakt

Scheiber erschafft durch ihr Buch einen Resonanzraum, der die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit verschiedenen Thematiken bietet. Dabei ist es keinesfalls so, dass sie die Themen bis zum letzten Rest erschöpft. Aber sie präsentiert ihre Sichtweise darauf, die man als gedanklichen Anstoß annehmen kann. Das lässt Raum für Zustimmung, aber auch für Reibungsflächen. Eine dieser Reibungsflächen ist für mich ihr Vergleich zwischen physischen und psychischen Krankheiten. Das ist grundsätzlich etwas, das einem oft begegnet und ausdrücken soll, dass psychische Erkrankungen nicht anders zu sehen sind als körperliche. Was ich schwierig finde, ist das darauffolgende „Ausspielen“ der beiden Krankheitsbilder. So würde „[b]ei physischen Krankheiten das Urteilsvermögen nicht in Frage gestellt“ und es sei „leichter, anderen zu erklären, wieso man sich einer Behandlung unterziehen muss“ (S. 69). Ich wage das zu bezweifeln, denkt man doch beispielsweise nur an eine Erkrankung wie Endometriose, bei der nicht nur die Diagnose oft unheimlich lang dauert, sondern die Patient*innen zumeist nicht ernstgenommen werden.

Wenn man seinen Platz in der Welt nicht findet, muss man einen Trampelpfad eröffnen und stolzen Schrittes voranschreiten.

Offenheit, S. 52.

Das ist aber auch schon eine der einzigen beiden Stellen im Buch, die ich mir mit einem Blitz (für mich das Zeichen von Kritikpunkten) markiert habe. Und auch wenn ich selbst oft nicht so handeln würde wie Scheiber, stimme ich ihr in vielen Punkten zu. Letztendlich ermöglicht ihr Buch es, über die Dinge nachzugrübeln und altbekannte Wahrheiten aufzudröseln, zu verwerfen, zu ersetzen oder zu ergänzen. Scheiber schildert ihren persönlichen Weg und schafft dadurch die Möglichkeit, seinen eigenen Pfad auf eine andere Weise zu entdecken. Es braucht Mut, sich so offenzulegen, wie die Autorin es tut. Ich hoffe, dass ihr Buch ein Schritt in eine andere Richtung bedeutet: In der man für ein freies Leben keinen Mut mehr benötigt, weil es eine Selbstverständlichkeit für jede*n ist.

Jaqueline Scheiber: Offenheit. Kremayr & Scheriau (18 Euro)

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