Allgemein, Feminist Shelf

Eine Reise ins patriarchale Japan

Rezension zu Mieko Kawakamis „Brüste und Eier“

Aus Kirschblüten dringen Schmetterlinge, Blätter, Haut – und Spritzen. Das ansprechende und durchaus plakativ-kitschige Cover zieht sich durch meine Timeline bei Instagram. Es gehört zum Roman „Brüste und Eier“ der japanischen Autorin Mieko Kawakami. In ihrer Heimat wurde sie mit wichtigen Preisen ausgezeichnet und im Ausland positiv rezensiert. Warum diese Buch so gelobt wird und ob ich mich diesem Lob anschließe, könnt ihr hier lesen.

Umstellen und lernen

Der erste Satz in „Brüste und Eier“ lautet: „Wenn man wissen will, wie arm jemand war, fragt man ihn am besten, wie viele Fenster die Wohnung hatte, in der er aufgewachsen ist.“ In diesen Worten stecken gleich zwei rote Fäden, die sich durch das Buch ziehen: Die Frage nach dem sozialen Status und die der Herkunft respektive der Familie. Armut und ihre Auswirkungen sind eines der zentralen Themen, die Kawakami beschäftigen. Kleine Räume, die nur wenige Matten groß sind, verweisen auf Armut, große darauf, dass man es geschafft hat. Aber Moment – wieso Matten? Das muss ich erstmal googeln. Ich erfahre, dass Räume in Japan nicht in Quadratmetern, sondern in Matten gemessen werden, in Tatami. Auf solche kulturell bedingten Unterschiede treffe ich häufiger, denn dies ist mein erstes Buch von einer japanischen Autorin. Was sich direkt festhalten lässt: Man bekommt eine Kultur näher gebracht, mit der man sich aus meiner Erfahrung heraus beispielsweise in der Schule eher selten befasst. Das erste Verdienst: Eine Reise in eine Kultur zu ermöglichen, die fern wirkt und dabei nicht nur die Unterschiede, sondern auch die Gemeinsamkeiten aufzuzeigen.

Ein ganzer Batzen an Themen

Der Roman teilt sich in zwei Parts auf, die beide aus der Perspektive der Schriftstellerin Natsuko erzählt werden. Natsuko ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, ihr Vater hat sich früh aus dem Staub gemacht. Ihre Mutter und ihre Oma, zwei wichtige Personen in ihrem Leben, sind verhältnismäßig jung und überraschend gestorben. Bereits in jungen Jahren wurden Natsuko und ihre ältere Schwester Makiko mit dem Tod konfrontiert. Schnell wird klar: Natsuko hat eine brüchige Biographie und kommt keineswegs aus einer privilegierten Familie. Diese Situation ändert sich erst einmal nicht großartig, erst später kann Natsuko von ihrem Job als Schriftstellerin gut leben und sogar Makiko unter die rme greifen. Obwohl beide Schwestern seit ihrer Jugend arbeiten, verdienen sie nur wenig Geld. Wieder scheint das Thema Armut auf, wobei die Herkunft zunächst unentrinnbar wirkt. Was außerdem auffällt ist die schwierige Rolle, die der Vater der Mädchen spielt. Er ist eher eine Belastung, übt Gewalt aus. Es wird sich noch zeigen, dass die meisten Väter, wenn sie denn überhaupt vorkommen, keine allzu rühmliche Stellung einnehmen (bis auf eine positive Ausnahme). Auch der Aspekt von Familie und Verwandtschaft ist für den Roman von großer Bedeutung, aber dazu später mehr. Jedoch kann hier schon verraten werden: Kawakami schneidet eine ganze Reihe von Themen an, von denen viele miteinander zusammenhängen. Ich habe „Brüste und Eier“ deshalb als einen intersektionalen Roman gelesen, der vor allem die Schnittstellen zwischen Armut, Weiblichkeit, Sexualität und Herkunft beleuchtet. Im Fokus stehen dabei ganz klar Frauen, Natsukos Umfeld ist extrem weiblich geprägt.

Lose Fäden, die nicht weitergesponnen werden

Trotz ihrer finanziell prekären Lage möchte sich Makiko die Brüste operieren lassen. Sie arbeitet als Hostess in einer Bar, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Teenager-Tochter Midoriko zu finanzieren. Makiko und Midoriko hapern beide auf verschiedene Weise mit ihren Körpern, was einerseits die unterschiedlichen Aspekte des Alterns zeigt, andereseits aber auch den Druck verdeutlich, der auf Frauen in jeder Lebensphase lastet: Die Mutter kommt nicht mit dem Altern zurecht, die Tochter nicht mit dem Einsetzen der Periode. Während Makiko sich geradezu obsessiv über Bleichmittel für Brustwarzen und die besten OP-Techniken informiert, verfällt Midoriko ihrer Mutter und ihrer Tante gegenüber in Schweigen. Sie kommuniziert über ein Notizbuch; in einem zweiten Heft hält sie ihre Gedanken fest. Diese Ausschnitte aus Midorikos Denken haben mir besonders gut gefallen. Sie verspürt eine große Ablehnung gegenüber ihrem Körper, findet ihre Periode vor allem „eklig“. Dass sich um diesen ‚Initiationsritus des Frauwerdens‘ viel Schönfärberei tummelt, wird ihr schnell klar.

Mein Körper bekommt irgendwann Hunger, er bekommt irgendwann seine Tage, und ich bin darin eingesperrt.

Midoriko in „Brüste und Eier“, S. 49.

Den Wunsch ihrer Mutter, sich unters Messer zu legen, kann sie nicht nachvollziehen. Während eines Besuches bei Natsuko kommt es zu einer ungewöhnlichen Aussprache zwischen Mutter und Tochter. Makiko und Midoriko lassen Eier auf ihren Stirnen zerplatzen und mit Dotter im Gesicht schreien sie sich zunächst an, um sich danach zu umarmen. Diese absurd wirkende Szene enthält viel Symbolismus, denn schließlich brechen die beiden nicht nur die echten Eierschalen auf, sondern auch diejenigen, die sie um sich selbst gelegt haben. Dieses spannende Mutter-Tochter-Verhältnis, das im ersten Teil eine ganz besondere Dynamik entwickelt, tritt im zweiten Teil jedoch in den Hintergrund. Midoriko, die als Teenie noch unangepasst wirkt, hat im zweiten Part nur eine kleine Rolle, die ziemlich traditionell wirkt: Sie studiert, jobbt nebenbei und hat einen festen Freund. Auch Makiko wird eher zu einer Nebenfigur, mit der sich Natusko zwar mal streitet, die ihre Schwester aber dennoch unterstützt. Die Probleme mit ihren Körpern stehen nicht mehr im Fokus. Das ist ein Problem, das ich mit dem Roman habe: Man merkt, dass die beiden Teile zuerst unabhängig voneinander geschrieben wurden. Einige Fäden, die den ersten Part dominiert haben, werden im zweiten beinah komplett fallengelassen.

Eine selten gesehen Protagonistin

Stattdessen rückt ein anderes Thema für Natsuko in den Fokus: Das Mutterwerden. Natsuko beginnt, sich immer stärker als asexuell zu verorten. Ich fand es großartig, dass Kawakami eine asexuelle Protagonistin gewählt hat, denn diese Figuren sind drastisch unterrepräsentiert. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob Natsukos Denkweise innerhalb dieses Bereichs der Sexualität eine weitverbreitete darstellt, denn sie hat den Eindruck, auf gewisse Weise ein Kind geblieben zu sein. Erwachsenwerden und Sexualität scheinen für sie untrennbar miteinander einherzugehen. Mit ihrem ersten und einzigen Freund, Naruse, hat sie es zwar immer wieder probiert, aber stets den Eindruck gehabt, sterben zu wollen.

Sex hatte für mich nie etwas mit Lust oder Sicherheit oder Befriedigung zu tun. In dem Moment, in dem Naruse sich auf mich legte, war ich allein.

Natsuko in „Brüste und Eier, S. 195.

Dennoch möchte Natsuko ein Kind bekommen. Als alleinstehende Frau, die sich nicht auf einen One Night Stand zwecks Schwanger werden einlassen möchte, gibt es nur wenige Optionen. Eine Adoption schließt sie unter anderem aus, weil sie „ihr Kind kennenlernen“ möchte. Stattdessen informiert sie sich über eine Samenspende. Für kinderlose Paare ist die künstliche Befruchtung (AID) eine Lösung, aber als Single-Frau kann Natsuko diese Behandlung nicht in Anspruch nehmen. Restriktive Gesetze stehen einer Erfüllung ihres Wunsches im Weg. Sie sucht im Internet nach einem Spender, denn dort bieten viele Privatleute ihr Sperma an. Außerdem meldet sie sich bei einer ausländischen Samenbank an, bei der man sich das entsprechende Produkt schicken lassen kann. Natsuko geht des Weiteren zu Informationsveranstaltungen von Betroffenen, bei denen sie herausfindet, dass die durch Fremdsamenspende gezeugten Kinder nicht immer glücklich sind. Vor allem die fehlende Möglichkeit, Kontakt zu einem leiblichen Vater aufzunehmen und über die eigene Herkunft im Dunkeln zu tappen, belastet sie. Einen engeren Kontakt stellt sie zu dem Betroffenen Aizawa her, der seinen leiblichen Vater sucht. Seine Freundin Yuriko, ebenfalls aus einer Fremdsamenspende gezeugt, steht Natuskos Plänen skeptisch gegenüber. Für sie bedeutet der Kinderwunsch, aus purem Egoismus zu handeln und Leid über ein Kind zu bringen. Yuriko selbst wurde von ihrem Ziehvater und dessen Freunden missbraucht (hier wäre eine Triggerwarnung durch den Verlag angebracht gewesen). Bei ihren Ausführungen habe ich mich aber doch ein paar Mal gefragt, inwiefern hier eine ableistische Einstellung anklingt.

Was gibt ihnen das Recht, ein Wesen zu erschaffen, das vielleicht nur als Schmerz existiert und als Schmerz stirbt […]?

Yuriko in „Brüste und Eier“, S. 407.

Aizawa steht für den Wunsch, seine Wurzeln kennenzulernen, Yuriko dafür, überhaupt niemals geboren worden zu sein. In diesem Spannungsfeld bewegt sich Natsuko, die sich eingehend mit der Frage nach einem Kind befasst. Übrigens bildet Aizawas Ziehvater die bereits angesprochene rühmliche Ausnahme im hier gezeigten Männerbild, das vor Problemen nur so strotzt.

Was macht eine Familie aus?

Besonders eindringlich wird diese Problematik an Natsukos ehemaliger Kollegin Konno. Während eines gemeinsamen Essens mit Kolleginnen stellt sich die Frage, ob die Frauen ihren Männern eine Niere spenden würden. Alle bejahen dies, wenn auch aus verschiedenen Gründen – bis auf Konno. Bei einem Treffen mit ihr erfährt Natsuko, dass Konno mit ihrer Familie zu ihrer Schwiegermutter zieht. Ihr Mann ist depressiv und kann nicht mehr die Familie sorgen.

Wenn ein Mann verheiratet ist und Kinder hat, muss er das Bild einer glücklichen Familie präsentieren, alles andere ist nicht genehm.

Konno in „Brüste und Eier“, S 280.

Ihre Erzählung zeigt, dass in dem patriarchalen System niemand wirklich gewinnen kann, weder Männer noch Frauen. Traditionell geben die japanischen Frauen nach der Geburt eines Kindes ihre Arbeit auf, während der Mann die Brötchen nach Hause holt. Richtig glücklich kann so niemand werden: Konno sieht sich als Arbeitskraft, die unfreiwillig in die verhassten Fußstapfen ihrer Mutter tritt, ihr Mann geht letztendlich an dem Druck, der auf ihm lastet, kaputt.

Worum geht es denn jetzt eigentlich?

Wie die vorangegangen Ausführungen gezeigt haben sollten, schneidet Kawakami unglaublich viele Themen an: Weiblichkeit, Männlichkeit, (sexualisierte) Gewalt, Armut, Tod, Krankheit, Sexualität, Körperbilder, Elternschaft… der Liste ließen sich noch ein paar Punkte hinzufügen. Und das ist keinesfalls verkehrt, denn viele dieser Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden. Allerdings hatte ich beim Lesen oft das Gefühl, dass die Autorin zu viel will. Einige der Ansätze laufen ins Leere und haben keinen großen Einfluss auf die Protagonistin und ihre Entscheidung, über die ich nicht zu viel verraten will. So viel sei gesagt: Sie schafft sich am Ende ihren ganz eigenen Lebensweg. Insgesamt entwickelt das Buch dadurch Längen, die auch durch die verwirrenden Traumsequenzen Natuskos nicht gerade reduziert werden.

Lohnt es sich dennoch, das Buch zu lesen? Ja, absolut! Denn trotz der genannten Probleme hat mich Kawakamis nüchterner Schreibstil begeistert. Sie schneidet Themen an, über die viel zu selten gesprochen wird – egal wo auf der Welt. Die stark traditionell geprägte Kultur Japans weist trotz der Unterschiede auch einige Gemeinsamkeit zur Lebenswelt mitteleuropäischer Frauen auf. Es zeigt sich, dass es im Patriarchat, egal wo es herrscht, auf lange Sicht nur Verlierer*innen gibt (surprise!). Außerdem muss man Kawakamis Roman vor der Kultur lesen, in dem er entstanden ist. Und hier ist er allein durch seine Thematik und den offenen Umgang mit Tabuthemen geradezu revolutionär, vor allem, wenn wir dieses Zitat der Autorin aus einem Instagram-Post der Seite ttt_titel_thesen_temperamente zugrunde legen: „Das Patriarchat hat in Japan die Stellung einer Religion […].“. Wenn wir wissen wollen, welche Repressionen das Patriarchat in anderen Teilen der Welt mit sich bringt, müssen wir diese Roman zur Hand nehmen – auch, wenn er vielleicht an einigen Stellen zu hohe Ansprüche an sich selbst stellt.

Mieko Kawakami: Brüste und Eier. Dumont (24 Euro)

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