Allgemein, Interviews

Wie wird man eigentlich… Verleger*in?

2016 kam Nikolai Ziemer eine Idee: Er wollte die Verlagslandschaft aufmischen und einen eigenen, unabhängigen Verlag gründen. Aus dieser Idee entstand der Kieler Verlag stirnholz. Nikolai hat sich vor allem auf Nischenliteratur spezialisiert. Im Interview berichtet er über den Weg von stirnholz und die Fallstricke, die angehende Verleger*innen erwarten.

MK: Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Verlag zu gründen?
NZ: Die Idee kam mir im Zusammenhang mit der Arbeit am Literaturmagazin Der Schnipsel, das ich mit ein paar literaturbegeisterten Freunden 2012 in Kiel gegründet habe. Im Laufe der Jahre haben wir 20 kostenlose Heftausgaben herausgebracht und viele Lesungen veranstaltet. Dort habe ich Blut geleckt und Erfahrungen gesammelt, was das Herausgeben von Literatur betrifft. Der Verlag ergab sich aus der Konsequenz, den Rahmen ein wenig zu erweitern und einigen der vielen Talente eine eigene Publikation zu ermöglichen, die dann, so die Hoffnung, zumindest ein bisschen Honorar bekämen. Bis dahin konnten wir unseren Schreibenden nämlich kaum mehr als Applaus bieten, das ist im Kulturbetrieb leider ein großes Problem. Mit einem Verlag sind die Möglichkeiten der Wertschätzung größer.

Jenseits der Masse liegt das Besondere: Der Verlag bringt Nischenliteratur in kleinen Auflagen heraus. Foto: NZ

Was ist das Alleinstellungsmerkmal deines Verlages?
Der Verlag besitzt vier Säulen: Erstens drucke ich alle Bücher mit einem sehr speziellen Drucker, einem sogenannten Risograph. Dieser Drucker zeichnet sich dadurch aus, dass er umweltfreundlich und auch sehr langlebig ist. Außerdem ist dieser Drucker bei Künstler*innen sehr beliebt, weil er immer ein bisschen ungenau arbeitet und seinen eigenen Kopf hat – das treibt mich manchmal auch ein wenig in den Wahnsinn.
Zweitens stelle ich alle Bücher selbst her. Für die „Edition stirnholz“, mit der Texte und Gedichte noch unbekannter Schreibender vorgestellt werden, vernähe ich die Bücher mit einer alten, aber sehr robusten Pfaff 130. Ich falze, beschneide, nummeriere, verpacke und verschicke die Bücher ebenfalls selbst.
Der dritte Aspekt ist die Gestaltung. Ich bin über die Maße froh, den Verlag zusammen mit dem Typographen Kaspar Pansegrau bestreiten zu können. Er schafft es, mit den Mitteln der Schriftgestaltung dem Inhalt künstlerisch entgegen zu kommen, ohne die Information der Texte zu überlagern. Das ist großartiges Handwerk und ich bin immer wieder beeindruckt von seinen Fähigkeiten, mit Buchstaben zu malen.
Die vierte Säule schließlich ist der inhaltliche Schwerpunkt; mit meinem Verlag möchte ich Nischenliteratur herausbringen, also Literatur, die für den Massenmarkt untauglich ist. Darin sehe ich die generelle Aufgabe von Kleinverlagen, die sich um Belletristik kümmern: Experimente wagen, die nicht unter dem Druck stehen, massentauglich zu sein zu müssen.

stirnholz in einem Satz: Nischenliteratur trifft Typographie trifft Handarbeit trifft Nerv.

Nikolai Ziemer

Was muss man mitbringen, wenn man selbst einen Verlag gründen möchte?
Man braucht vor allem Geduld. Vieles ist tatsächlich learning by doing, aber es ist nicht verkehrt, sich vorher einiges anzulesen. Ich empfehle das Buch „Mini-Verlag“ von Manfred Plinke, das sehr viel Mut macht, mit wenig Mitteln einen Verlag zu gründen. Dort finden sich die wichtigsten Grundlagen, angefangen von „Wie bekomme ich eine ISBN?“ bis hin zu „Wie setze ich einen Autorenvertrag auf?“.
Mit einem Gang zum Gewerbeamt ist der wichtigste Schritt dann eigentlich schon getan. Ab dann hieß es für mich tüfteln, ausprobieren, alle Herausforderungen annehmen. Das ging und geht nur, weil ich bisher nicht wirtschaftlich davon abhängig bin. Wahrscheinlich ist es bei etwas verrückteren Projekten wie dem meinen nicht verkehrt, noch einen Nebenverdienst zu haben, der Geld zum Leben einbringt.

Auf welche Probleme bist du im Laufe der Zeit gestoßen?
Tatsächlich ist fast jeder Schritt ein „Problem“, da es kein Rezept oder vorgefertigten Plan für einen Startup-Verlag gibt. Ich denke und arbeite daher in sehr kleinen Schritten. Und mit jedem Schritt ergibt sich ein neues Problem, das dann gelöst werden will. Ein Beispiel: Ich vertreibe meine Bücher selbst über einen Online-Shop. Also musste ich mir Gedanken über die Versandtaschen machen, mit denen ich die Bücher verschicke. Zunächst habe ich an Umschläge gedacht, die man zukleben kann. Dann ist mir aufgegangen, dass die Bücher zerstört werden könnten, wenn man den Umschlag mit einem Brieföffner öffnet. Also habe ich Umschläge gewählt, die einen Bindfadenverschluss besitzen. Das sieht erstens wertig aus und die Bücher bleiben heil. So geht das die ganze Zeit: Etwas Neues liegt an, es ergeben sich Probleme, die auf ihre Lösungen warten.

Ein gutes Buch sollte eine Seele besitzen.

Nikolai Ziemer

Was würdest du angehenden Verlagsgründer*innen mit auf den Weg geben?
Überlegt euch ein gutes Verlagskonzept, hinter dem ihr voll und ganz steht. Man sollte für das Thema brennen. Bevor ihr euer Vorhaben in die Tat umsetzt, seid euch über jeden Schritt im Klaren: Wie akquiriere ich Autor*innen, wie lektoriere ich die Texte, wie gestalte ich sie, wie mache ich daraus Bücher, wie vertreibe ich sie, wie mache ich Werbung dafür? Erst wenn das Verlagskonzept mit Businessplan und Vertriebswegen steht, kann es losgehen. Gleichzeitig sollten die Dinge aber auch nicht zu sehr überdacht werden; irgendwann heißt es ins kalte Wasser springen und schwimmen.

Oma wäre stolz: Bei der Verarbeitung der Hefte kommt auch eine alte Nähmische zum Einsatz.
Foto: NZ

Gab es eine positive Entwicklung, die dich überrascht hat?
Nachdem ich den ersten Band der Reihe „Edition stirnholz“ herausgebracht hatte, habe ich mich gefragt, wie der erste Einzelband aussehen soll. Genau in dieser Zeit schrieb mich der Kieler Autor Christopher Ecker mit der Frage an, ob er in meinem Verlag einen kleinen Gedichtband unterbringen könnte, der unbedingt bibliophil gestaltet sein soll. Da habe ich natürlich sofort ja gesagt! Das war eine absolut glückliche Fügung, und ich freue mich darauf, dass ich mit diesem bekannten Autor demnächst den ersten speziell gestalteten Einzelband präsentieren darf.

Mir geben eine Menge Leute Rückhalt und Unterstützung, und sei es moralischer Natur.

Nikolai Ziemer

Wie sehen deine Pläne und Wünsche für den Verlag aus?
Es ist eine erfreuliche Entwicklung, dass das Verlagsprogramm sich derzeit auffächert: Ein Audiowalk zum Projekt Marzipanflexen wird unter dem Label stirnholz ebenso erscheinen wie die Literaturzeitschrift Der Splitter – beides ist aber außerhalb des Verlags entstanden. Des Weiteren überlegen Kaspar und ich, ob wir nicht ein gemeinsames Unternehmen gründen, um die Synergien von Schriftdesign und Verlagswesen noch mehr ausschöpfen zu können.
Mein Wunsch für den Verlag wäre, dass das Konzept der nachhaltigen, selbstproduzierten, künstlerisch gestalteten Bücher Anklang findet und ein Nachdenken über das Medium Buch in seiner Gesamtheit anstößt. Vor allem aber, dass die Werke der im Verlag herausgebrachten Autor*innen die Leserschaft begeistert!

Vielen Dank für das Interview!

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